hideout gallery
2008
Es gibt Räume, die bisher nicht bewusst wahrgenommen werden, weiße Flecken in unserer Stadtwahrnehmung, Räume ohne Nutzung, ohne Bedeutung, die von der Stadt vollständig ausgeblendet sind.
Erst die Entdeckung und die Thematisierung dieser Räume ruft sie uns ins Bewusstsein.
Beim Schlendern durch Berlin Mitte entdeckte ich einen etwa fünfzehn Zentimeter dünnen Schlitz zwischen zwei Häusern. Ich presste meinen Kopf durch die Lücke und fand die vermutlich "kleinste Brache Berlins":
ein etwa zwölf Meter langes Mini-Grundstück in der Form eines langgestreckten Kuchenstücks, eingeklemmt zwischen zwei Brandwänden. Mittels einer Schwarzplan-Recherche machte ich mehrere „artverwandte“ Kleinstbrachen in der näheren Umgebung ausfindig.
Die brachliegenden Räume in der Linienstraße sind Mitte der 80er Jahre entstanden als marode gründerzeitliche Gebäude durch Plattenbauten des Typs P2 ersetzt wurden. Plattenbauten sind wegen ihres standardisierten Bauverfahrens sehr unflexibel. Da sie auf einem genauen Raster und dem rechten Winkel aufgebaut sind, können sie nicht auf spezielle bauliche Situationen reagieren. Es entstanden Restgrundflächen - zum einen zwischen Plattenbauten, die entlang einer Straßenbiegung aufgestellt sind und zum anderen zwischen Plattenbauten und den gründerzeitlichen Gebäuden, deren Brandwand auf einer abknickenden Parzellengrenze steht.
Von der Straße aus nimmt man die Restflächen kaum wahr. Es wurde von den Erbauern penibel darauf geachtet, die Unflexibilität der Plattenbauten zu vertuschen. Und so ist von den Resträumen entweder nur ein schmaler Schlitz zu sehen oder die mehrere Meter breiten Lücken wurden sorgfältig mit einer "Tapetenwand" zugemauert und sind bis heute unzugänglich. Die Maßnahmen zur Kaschierung der Resträume machen sie zu Verstecken in der Stadt.
Mein Interesse gilt der Frage nach der Inszenierung und Aktivierung der Resträume: wie können die übrig gebliebenen, ungenutzten Restflächen der Stadt zurückgegeben werden. Der erste Schritt zu einer Aktivierung besteht in der Erschließung der Räume. Es stellt sich die Frage, auf welche Art versteckte Räume betreten werden ohne dass ihr Potential des städtischen Verstecks verworfen wird. Denn wie man einen Raum betritt, prägt die Art und Weise wie man sich in ihm bewegt und fühlt. In Verstecke einzudringen bringt ein Gefühl der Exklusivität und des Verbotenen mit sich. 1998 dokumentierten die Künstler Fischer/El Sani in der Fotoserie "Phantom Clubs" illegale Berliner Clubs und Bars während der hellen Tageszeit als nichts auf ihre Nachtexistenz hindeutete. Durch die Tarnung dieser Clubs war es nur für "Eingeweihte" möglich die Clubs zu betreten. Eine Studie von besonderen Zugängen aus Märchen, Mythen, Filmen etc. dient als Vorlage für meine Vorschläge für Formen des Eintretens in die Resträume. Die versteckten Zugänge sollen die Atmosphäre des versteckten Raums unterstützen.
Die Idee der "hideout gallery" ist es, die Resträume formal, thematisch und inhaltlich miteinander zu verknüpfen. Jeder von ihnen ist Bestandteil einer in der Linienstraße vernetzten Galerie. Die einzelnen Galerieräume sind ähnlich aufgebaut: über einen merkwürdigen Zugang, wie einem versteckten Hubaufzug unter einem Blumenbeet oder über eine Zugbrücke, wird der Besucher in einen unerwartet künstlichen Void mit einer spannenden Geometrie. Lediglich kleine bauliche Maßnahmen, wie das Verspachteln und Streichen der Brandwände oder das Überspannen der Voids mit einer "Alabasterhaut", sollen die Künstlichkeit der Architektur zur Steigerung des Unerwarteten und die Neutralität als Hintergrund für die Kunst in ihr garantieren.
Die dezentral organisierte Galerie macht die Linienstraße neu begreifbar. Durch das Entdecken von Räumen beim Flanieren durch die Spandauer Vorstadt, die eine der höchsten Dichte an Galerien weltweit aufweist, werden Zusammenhänge in der baulichen Struktur aufgedeckt, die vorher nicht sichtbar waren.





